Zofinger Tablatt, 25. November 2009
Die letzten Töne des Orchestervereins
Das traditionelle Christkönigskonzert des Orchesters Reiden wurde zum Abschiedskonzert. Dabei waren auch der Orchesterverein Rothrist, die Chöre «Cäcilienverein Uffikon-Buchs» und der Kirchenchor Knutwil-St. Erhard sowie die Solisten Adrian Zinniker, Niggi Wüthrich, Manuela von Büren und Joseph Bachmann.
«Wer kann segeln ohne Segel, wer kann rudern ohne Ruder?» Die letzten Töne dieses melancholischen schwedischen Liedes verklingen in der Reider Pfarrkirche. Carole Meier, die Konzertmeisterin hat das Lied gesungen und sich dabei auf der Geige begleitet. Stephan Schwerzmann, der letzte Präsident des Reider Orchesters, erklärte daraufhin, dass man sich schweren Herzens entschlossen hätte, das Orchester Reiden aufzulösen, es fehlten die Segel und die Ruder, es fehlte der Nachwuchs. Eine Rose gabs für die Leute, die eine beachtliche Zeit ihres Lebens in diesem Orchester mitgespielt haben, manche 20, 30 oder gar mehr als 40 Jahre. Eine Spur von Wehmut lag in der Luft.
VERGANGENHEIT Das Reider Orchester zusammen mit Gastorchester
und Chor am Konzert in der Reider Pfarrkirche
Ein feierliches Programm
Diese leichte Wehmut hatte schon angeklungen beimEröffnungsstück des Konzertes, in Griegs Sätzen «Gavotte» und «Musette» aus der Holbergsuite. Man wollte bei den sanften, aber doch recht satten Klängen des Orchesters gar nicht so richtig glauben, dass es mit diesem Ensemble nun vorbei sein sollte. Auf dem Podest sass nämlich eine stattliche Anzahl Streicher und Bläser. Des Rätsels Lösung: Ein Grossteil der Musiker stammte aus dem Orchesterverein Rothrist. Zusammen mit den beiden Chören von Uffikon-Buchs und Knutwil-St. Erhard und vier Bläsersolisten hatte man ein festliches feierliches Programm vorbereitet. Man hatte nicht lange Gelegenheit, der Wehmut nachzuhangen, denn jetzt trat der Klarinettist Adrian Zinniker aufs Podest und sorgte mit seinem Werk «Variationen für Klarinette und Streicher» von Joseph Küffner für heitere Stimmung.
KLARINETTIST Adrian Zinniker und Joseph Bachmann am Dirigierpult
Zinniker ist hierzulande kein Unbekannter: Der Soloklarinettist des Aargauer Sinfonieorchesters war schon gelegentlich mit dem Reider Orchester zusammen zu hören und er leitete während vielen Jahren erfolgreich die Reider Musikschule. Weniger bekannt dürfte der Komponist Joseph Küffner sein. Vom deutschen Geiger und Militärmusikdirektor aus dem 18./19. Jahrhundert werden heute nur noch wenige Werke gespielt. Deren Qualitäten lassen sich aber erahnen,wenn man weiss, dass seine Werke lange Zeit fälschlicherweise grossen Meistern zugeschrieben worden waren.
Seine Klarinettenvariationen (Carl Maria von Weber zugeschrieben) sind ein typisches Beispiel von Salonmusik seiner Zeit: Ein Thema mit Variationen gibt dem Solisten Gelegenheit, seine Meisterschaft unter Beweis zu stellen Und Zinniker tat das denn auch vortrefflich. Nicht nur seine virtuose Fingerfertigkeit war zu bewundern, ebenso seine Musikalität und sein betörend geschmeidiger Ton in langsamen Teilen. Und das Orchester hielt gut mit. Es meisterte seine Teile aufmerksam und sorgfältig.
Schon folgte der nächste Höhepunkt: Auf dem Podest standen nun drei Trompetensolisten, zwei Männer und eine Frau. Und weil Dirigent Joseph Bachmann diesmal zu den Solisten gehörte, übergab er die Leitung seinem Kollegen Georg Furrer. Dieser leitete nun das Feuerwerk von Georg Philipp Telemann, dem grossen Kontrahenten Johann Sebastian Bachs. Mit Eleganz und Strahlkraft meisterten die drei Solisten ihren Part und rissen das ganze Orchester mit. Dieses lief zu seiner Bestform auf, ein wahrer Genuss.
Werk von Joseph Haydn
Kein Christkönigskonzert ohne Chorwerke. Während in früheren Jahren stets der Kirchenchor Reiden hier seine Aufgabe wahrnahm, öffnete man sich mit der Zeit und arbeitete mit befreundeten Chören aus der Region zusammen. Dieses Jahr waren die Chöre aus Uffikon-Buchs und Knutwil-St.Erhard an der Reihe. Die Programmverantwortlichen hatten viel Mut bewiesen und recht anspruchsvolle Werke ausgewählt. Aus Haydns «Kleiner Orgelsolomesse» erklangen die beiden ersten Sätze. Manch einer der Zuhörer wird sich gesagt haben: Diese Messe kenne ich doch. Die haben wir vor zwei, vor vier oder fünf Jahren auch gesungen.
Die Hoffnung bleibt
Tatsächlich handelt es sich um das meistgesungene und -gespielte geistliche Werk von Joseph Haydn. Umso schwieriger ist es, den kritischen Ohren der Zuhörer standzuhalten. Man spürte am Sonntag: Die Chor- und Orchesterleute waren sehr gut vorbereitet, sie beherrschten ihren Part. Und der Gesamtchor, es waren gegen 50 Leute, verfügt über ein beachtliches Stimmenpotenzial. Besonders die Diskantstimmen wirkten jugendlich hell und kräftig. In Mozarts «Te Deum» stossen Laienchöre und Laienorchester bisweilen an ihre Grenzen. Aber man schlug sich heute recht gut.
Die Musik vom Sonntagabend weckte Lust auf mehr. Sollte das jetzt wirklich das Ende sein, das Ende des heutigen Konzertes und das Ende einer 150-jährigen Orchestervereinsgeschichte? Noch darf gehofft werden, dass nach einer Pause wieder etwas heranwächst, etwas Ähnliches entsteht und so an die Tradition der Christkönigskonzerte anknüpfen wird.
Renata Woll
Diese Homepage wurde am 25. November 2009 aktualisiert.